Nicola Vösgen

Bertel Thorvaldsen: Christus


Der dĂ€nische Bildhauer Bertel Thorvaldsen wurde am 19. November 1770 als Sohn eines islĂ€ndischen Holzschnitzers in Kopenhagen geboren. Bereits mit elf Jahren kam er als SchĂŒler an die Freischule der Königlich DĂ€nischen Kunstakademie in Kopenhagen. 1793 erhielt er die höchste akademische Ehre, die Große Goldene Medaille und ein Romstipendium. Aufgrund von Verzögerungen kam Thorvaldsen erst 1797 in Rom an, wo er den grĂ¶ĂŸten Teil seines Lebens verbrachte.

Die antike Kunst, die Thorvaldsen in Rom kennen lernte, formte seinen Stil maßgeblich, so beispielsweise in der Statue „Jason“ (1803) mit der seine BerĂŒhmtheit in Italien begrĂŒndet wurde. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zĂ€hlt das vom Vatikan beauftragte Grabmonument fĂŒr Pius VII., das 1830 in der Cappella Clementina des Petersdoms aufgestellt wurde. Der Bildhauer ist am 24. MĂ€rz 1844 in Kopenhagen verstorben und wurde in dem von ihm gestifteten Thorvaldsen-Museum in Kopenhagen bestattet.

Neben dem italienischen Bildhauer Antonio Canova (1757-1822) gilt Bertel Thorvaldsen als der bedeutendste Bildhauer des Klassizismus in Europa.


Christus im Kunstgussmuseum

 

Im Kunstgussmuseum befindet sich das 137cm große Gipsmodell des „Christus“ nach Thorvaldsen. Die Arme, die einzeln gearbeitet waren, sind verloren. Ein StĂŒck vom Gewand ist abgebrochen, aber vorhanden. Erhalten ist weiterhin ein zweites, nur 75cm großes Modell derselben Figur. Die auch hier separat gearbeiteten Arme sind erhalten.

 


Abb. 1: Modell des Christus im Kunstgussmuseum
(Foto: Tino Winckelmann, KGML, 2018)


Die Christus-Figur in der Gießerei Lauchhammer

 

Es ist nicht ĂŒberliefert, wann das Modell von der Gießerei Lauchhammer erworben wurde. Erstmals in dem Lauchhammer Bildguss Katalog von 1915 wird fĂŒr das Jahr 1904 die AusfĂŒhrung einer „Christusfigur fĂŒr Niedersedlitz von Prof. Thorwaldsen“ erwĂ€hnt.

In den Bildguss-Katalogen der Gießerei der Jahre 1928 bis 1938 ist die Christusfigur durchgehend in der GrĂ¶ĂŸe 137cm vertreten, AbgĂŒsse nach dem kleineren Modell hingegen waren in den Katalogen nicht angeboten.

Abb. 2: Christus nach Thorvaldsen im Lauchhammer Bildguss-Katalog
(Foto: Lauchhammer Bildguss 1928, Gs4, S. 27)


Der Christus von Bertel Thorvaldsen

 

Die 1807 zerstörte Kopenhagener Domkirche wurde in den Jahren 1817 bis 1829 neu errichtet. Thorvaldsen ist 1820 bei einem seiner Kopenhagen Aufenthalte mit der plastischen Ausgestaltung dieser neuen Vor Frue Kirke (Frauenkirche) beauftragt worden: dies waren neben der zentralen Christus-Statue auch zwölf Apostelfiguren, die Giebelreliefs und ein Taufbecken.

Die in Rom geschaffene Christus-Statue war 1821 vollendet und wurde Ostern 1839 in der Frauenkirche aufgestellt. Sie steht an prominenter Stelle in der Apsis des Hauptaltars, die etwas kleineren Statuen der Apostel sind an den Pfeilern des Mittelschiffs aufgereiht.

Die 3,20 Meter große Statue aus Carrara-Marmor stellt den auferstandenen Christus dar, der mit ausgebreiteten Armen die JĂŒnger mit den ihnen zugewandten HĂ€nden segnet. Das Motiv des Segnenden Christus war eine völlig neue Darstellung eines mildtĂ€tigen, trostspendenden Heilands. Thorvaldsen hatte damit einen völlig neuen Christus-Typ geschaffen, der den damals aktuellen Auslegungen der kirchlichen Lehre entsprach.

Abb. 3: Die Kolossalstatue in der Frauenkirche in Kopenhagen
(Foto: Von IbRasmussen – Detail from Image:Vor Frue Kirke Copenhagen altar.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1859520)


Diese Christus-Statue fand In ganz Europa im 19. und frĂŒhen 20. Jahrhundert durch zahlreiche Kopien große Verbreitung. Auf unzĂ€hligen Friedhöfen waren sie in unterschiedlichen Formaten und Materialien, wie Bronze, Galvanoplastik oder Zinkguss sowie als Nachbildung in Marmor und Kunststein zu finden; teilweise als mehr oder weniger exakte Kopie, teilweise als freie Nachschöpfung. Auch in dem Katalog der Berliner Thonwaarenfabrik March wurde die Christusfigur angeboten, hier ausgefĂŒhrt in Terrakotta und mit verĂ€nderten Gewandfalten, jedoch eindeutig den Gestus des Segnenden Christus von Thorvaldsen kopierend.

 

Abb. 4: Christus in Terrakotta
(Foto: Ernst March’s Thonwaaren-Fabrik, Sammlung photographischer Abbildungen, Charlottenburg bei Berlin, 1869, Taf. 151)